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Der Wanderer

 


Im Park heute, Bilder der Vergangenheit

Der Park, verwildert__Asher B. Durand, A creek in the Woods 

Der Wanderer

Der Wanderer ging langsam durch den alten Park. Es dämmerte und jetzt sah alles noch verwilderter aus. An den Gruppen der großen alten Bäume sah man noch wie der Park einmal angelegt gewesen war. Ein Landschaftspark nach englischem Muster. Verschlungene Wege, Lichtungen mit grünen Wiesen und wilden Blumen, überraschende Aus- und Durchblicke, Teiche und Wasserläufe, hier eine Steinbank in einer Laube aus Haselnuß, Hainbuche und Weißdorn, dort eine Gruppe Zidonien, eine Sonnenuhr inmitten eines Platzes auf dem noch die Spuren von geharktem Kies zuerkennen waren. Auf dem Sportplatz, der sich unpassend auf den Gartenanlagen hinter dem Schloß breit gemacht hatte, übte noch eine Gruppe Schüler Weitwurf. Das Schloß selbst sah ein wenig herunter gekommen aus. Seit die Herrschaft fort und die Partei eingezogen war, um dort ein Internat einzurichten, hatte sich vieles verändert. Der Stuck war unter falscher Holztäfelung versteckt, die Schlafzimmer dienten als Klassenräume, im Gartensaal bröckelte die Farbe, im Parterre war ein Block schlecht gepflegter Toiletten abgetrennt worden. Der schöne Bau diente nur als Hülle, für die Harmonie und Kultur gab es keinen Sinn mehr. Eigentlich hätte man sicher lieber einen Plattenbau gehabt, einen Bau aus Fertigteilen die wie Streichholzschachteln übereinander gestapelt wurden. Der übliche und scheußliche Anblick den die Kolchosen boten.

Die meisten Menschen, die noch darin erzogen worden waren das Gute und Schöne in der Kultur zu erkennen, sind nach dem Krieg geflohen oder von der Partei vernichtet worden. Kohleminen oder Feldarbeit in Sibirien, Hunger, Ruhr, Prozesse. Kriterien für die Vernichtung waren Brillenträger, Bauernbäuche, Handwerk und Gewerbe, Lehrer und Dichter, kurz alles was über den untersten Sumpf der Gesellschaft hinausragte, was mehrere Bücher besaß, ganz schlimm war auch der Besitz von Zenta Maurina oder Schiller. Der Wanderer war auf dem Rigaer Bahnhof als sechsmonatiges Baby von seiner Mutter aus dem Viehwagen rausgeworfen worden, zum Glück fiel er in die Arme einer Frau die seine Tante kannte. Der Viehwagen fuhr nach Workuta, er kam zur Tante, die einen Russen geheiratet hatte und dadurch eine gehobene Stellung einnahm. Er dachte an die Menschen die er kannte, die Schulzeit, die Universität in Riga, die erste Stelle im Rayon Ventspils, eigentlich war sein Schicksal nichts besonderes. Jeder hatte direkte Familienerfahrung mit der großen Verschleppung. Von den Älteren kamen ja viele nach Jahren auch wieder zurück, die Jüngeren waren meistenteils entweder in Sibirien geboren, oder wenigsten dort gezeugt worden. Wegen dieser Erinnerung an die eisige Kälte dort waren alle Wohnungen, Büros, Gebäude auch hoffnungslos überheizt. Jetzt war das alles vorbei. Die Sowjets waren weg, die grünen Uniformen, die Angst vor dem KGB, die Partei war weg und das Öl für die Heizungen auch. Man war frei und fror. Früher kam der Druck von oben, jetzt kam der Druck vom Magen. Überall ging es wie hier in der Schule. Die staatlichen Gelder kamen nicht oder nur tröpfchenweise und man mußte mit der Hacke und Kompost im eigenen Gärtchen das Leben sichern. Jetzt zeigte sich, daß keine der Wirtschaften, ob Kolchose oder Fabrik ordentlich funktionierte. Ohne das Geld aus der Rubelpresse blieb nach der Arbeit nicht einmal soviel übrig, daß die Mitarbeiter ernährt werden konnten. Ohne die Chemie auf dem Acker wuchs gar nichts mehr zwischen dem Unkraut, und ohne die Pellets aus künstlichem Eiweiß war auch keine Vieh-, Schweine- oder Fischzucht mehr möglich. Andererseits waren die Mißgeburtenzahlen bei Mensch und Vieh erheblich zurück gegangen seit das Eiweiß aus der sowjetischen Fabrik nicht mehr kam. Leicht erklärlich, wenn man den Filmbericht von Podnieks über die Stadt, in der die Eiweißfabrik stand, gesehen hatte.

Er ging bis zum zweiten Teich. Der Weg war kaum noch zu erkennen. Es war nur mehr ein Pfad übriggeblieben, die Büsche hatten ihre Zweige ausgestreckt, Efeu kroch über den Boden, dichte Baumkronen ließen alles noch düsterer erscheinen. Hier war seit langem keiner mehr gegangen, der Zugang zum Teich war jetzt auf der anderen Seite. Eine merkwürdige Stimmung füllte sein Herz. Halb unheimlich, halb vertraut. Er dachte, oder fühlte vielmehr frühere Zeiten. Wie Flocken der Wollpappeln im Wind tauchten Bilder auf. Einzeln und ohne Zusammenhang. Wie lebten die Menschen damals, damals vor hundert Jahren, oder vor fünfhundert. Er hatte viel gelesen und gehört davon. Aber das waren nur allgemeine Bilder. Jetzt sah er aber Einzelnes, ahnte mehr als fühlte, daß die Büsche kleiner wurden. Der Weg wurde gangbarer. Er meinte sogar Stimmen zu hören. Nicht eigentlich wirklich, so daß sein Ohr sie aufnahm, sondern mehr, als ob sie direkt als Ton ohne den Umweg über die Ohren direkt in ihn eindrangen. Die Sprache, soweit er den Hauch der Worte, die ihn erreichten begreifen konnte, war irgendwie altertümlich. Teichufer, Mönch, Fuhrwerk. Als er vor dem Teich stand, war alles wie immer. Das letzte Abendlicht spiegelte sich auf dem Wasser, Fische die ab und an nach Luft schnappten oder Mücken fingen ahnte man inmitten der Wellenringe, ein letzter Mauersegler zeigte seine Flugkünste in Kreisen und Spiralen. Die Veränderung des Weges, die gehauchten Stimmen blieben in seiner Seele. Ohne Angst, es war mehr wie ein Gefühl der Weite und Offenheit.

Es war Zeit zum Abendessen. Der Direktor hatte ihn eingeladen und ihm den Weg zur Schulkantine beschrieben. Ein doppelstöckiger Bau mit flachem Dach. Unten die Wirtschaftsräume, oben der Speisesaal. Wie üblich bei flachen Dächern tropfte es durch, wenn der Regen etwas länger anhielt. Das Parkett war stellenweise fleckig, aufgeworfen oder sogar völlig abhanden gekommen. Der Direktor war schon da und bot ihm einen der dünnen Stahlrohrstühle an. Schülerinnen in weißen Blusen bedienten die Erwachsenen, Lehrer, Verwalter, Agronomen. Die Schüler selbst holten sich ihr Essen. Die Türen zu der großen Küche standen offen. Dort halfen und lernten andere Schülerinnen. In großen Kesseln kochte heute Sauerampfersuppe, Salzkartoffeln und  Rindfleisch, das mit weißer Soße gereicht wurde. Auf langen Regalen kühlten Schalen mit Vanillepudding und Obstsirup. Auf dem Tisch stand ein großer Krug mit Obstsaft, oft eine Mischung aus mehreren Sorten wie Äpfel, Birnen, Zidonien und Kirschen mit Birkenwasser. Der Direktor erzählte, das einer seiner Vorgänger darauf bestanden hatte, daß die dieser Schule angegliederte Landwirtschaft blieb. Viele dieser Agrarschulen hatten die Selbstversorgung längst aufgegeben. Zuviel Mühe und Organisation. Es war einfacher das Essen zu kaufen. Jetzt, wo die staatlichen Gelder mehr und mehr ausblieben, war die Selbstversorgung allerdings der einzige Weg um als Schule zu überleben. Ein Lehrer erzählte, wie er im letzten Sommer mit Schülern auf den Wiesen Sauerampfer gesammelt hatte. Landarbeit, Ernährungskunde und Botanikunterricht in einem. Begreifen, behalten und verarbeiten des Unterrichtsstoffes ging so leichter als im Klassenzimmer wo Bücher die Wirklichkeit ersetzten. 

Der Wanderer blickte um sich. Offene, freundliche Gesichter mit Augen, die fast naiv noch das Strahlen der Kindheit besaßen. Ein großer Gegensatz zu den Gesichtern der jungen Menschen in den Städten, deren Blicke schon wissend waren, die schon zuviel der Geheimnisse der Erwachsenen in der heutigen Bilderflut entdeckt hatten, die so theoretisch, oft aber auch praktisch ihre Unschuld verloren hatten.

Obwohl der Parteigeist, der diese Schule eingerichtet hatte, sie aber auch mit all dem Unguten, was die Auswahl der Unfähigsten mit sich brachte, unterdrückte, noch überall zu spüren war, schienen die Menschen doch vieles richtig zu machen was Lehre und Bildung betraf. Auf Fragen nach der Herkunft und Geschichte dieser Pädagogik wußten weder der Direktor noch die Lehrer eine Antwort. Sie fanden es natürlich so zu handeln, und lebten wie in einem geschichtslosen Raum. Auch die Frage, warum man Brot kaufte und nicht selber buck, wo doch das Korn auf den eigenen Feldern geerntet wurde, blieb unbeantwortet. Draußen war es dunkel geworden. Auf dem Tisch stand der Nachtisch. Eins der Mädchen, Daina mit den blonden Zöpfen, brachte eine Kanne mit heißem Wasser und die Büchse mit Nescafé. Der Saal war fast leer. Einige räumten noch Geschirr ab und aus der Küche hörte man klappern und scheppern, es wurde abgewaschen. Der Wanderer fragte noch einmal nach der Geschichte. Einer wußte, daß die früheren Besitzer von Manteuffel hießen. Das Schloß war um die Jahrhundertwende abgebrannt und mußte fast ganz neu gebaut werden. Ein älterer Lehrer erinnerte, daß man erzählt hatte, früher hätte man hier auch gebacken, und fast alle Handwerke vom Schmied bis zum Schreiner, vom Wagenbauer bis zum Seiler hätten hier gearbeitet. Auch hätte man eine eigene Schule gehabt. Die wäre irgendwo im vorderen Park gewesen wo jetzt noch ein verfallenes Haus zu sehen war. Eigentlich sei hier in der Gegend die Erinnerung an das Gut freundlich. Daran hätte auch die Hetze der Partei gegen die sogenannten Herren nichts geändert.

Als der Kaffee ausgetrunken war und alle aufstanden, fragte der Wanderer ob er noch solange bleiben dürfte bis auch die Küche aufgeräumt sei und schloß. Natürlich, - war die Antwort und er blieb allein mit seinen Gedanken. Das Erlebnis am Teich fiel ihm wieder ein und mit dem wenigen was er jetzt von der Vergangenheit gehört hatte fing seine Seele an in Bildern von jener Zeit zu träumen.

Die Köchin kam um das Licht zu löschen, er stand auf und ging hinaus. Es war Nacht geworden. Aus dem Park rief ein Käuzchen, der Wind rauschte leise in den Bäumen und der fast ganz volle Mond leuchtete in einem tief dunkelblauen Himmel. Er ging nach rechts. Dort, vor der Westseite der Kantine sollten noch einige Mauerreste stehen. Die Ziegel stammten aus dem vorigen Jahrhundert - das hatte einer der Lehrer behauptet. Es duftete nach Flieder. Er konnte die Umrisse drei großer Büsche erkennen. Aus dem Dunkel trat ein Mann und grüßte freundlich.
"Grüß' Gott. Was für ein schöner Abend." Der Wanderer grüßte wieder. Der Andere musterte ihn genau, schien ihn aber kaum sehen zu können. Bei dem Mondlicht sah alles auch mehr schemenhaft aus. Halb wirklich, halb Schatten. 
"Es ist spät", sagte der Andere, und ging dann vor sich hin pfeifend weiter. Eine zarte Melodie. Üb' immer treu und Redlichkeit bis an dein kühles Grab, und weiche keinen Finger Breit von Gottes Wegen ab. Seine schweren Schuhe knirschten auf dem Kies. Der Wanderer konnte das noch lange hören, bis zuletzt nur noch ein Hauch der Melodie im Wind verwehte. Die Umrisse der Fliederbüsche sahen plötzlich wie ein Haus mit zwei Stockwerken und einem Walmdach aus. Eine vereinzelte Wolke verdeckte den Mond. Es wurde dunkel, und als das vorüber war, blieben nur die Fliederbüsche übrig. Er nahm sich vor, morgen, bei Tageslicht diese Stelle mit den Mauerresten und dem Flieder genau anzusehen. Vielleicht konnte man einen Hinweis finden, irgendwelche Spuren, die Aufschluß gaben.

In Gedanken versunken ging er weiter. Erst spürte er noch die Betonplatten der neuen Straße und dann die groben Kopfsteine des alten Weges, die einstige Auffahrt zum Schloß. Es stellte sich vor wie früher hier die Kutschen, die Landauer und die mit Heu beladenen Leiterwagen gefahren waren. Das Klipp-Klapp-Klapp der Pferdehufe, die großen, eisenbereiften Räder, das Knarren der Achsen, Deichseln und Wegscheite. 'Hüh-a' schrien die Kutscher und knallten ab und zu mit der Peitsche, 'brrrr', wenn angehalten wurde. Statt rechts zum Kavaliershaus zu gehen, wo er ein Bett finden würde, ging er, ohne eigentlich darauf zu achten, nach links und die Allee lang, welche die Auffahrt zum Schloß war. Der Mond war etwas weiter gezogen, und wenn er aus dem dunklen Schacht der Alleebäume nach oben sah, konnte er den Gürtel des Orion ausmachen. Vorne links war ein größeres Haus mit eingefallenem Dach. Obwohl er wußte, daß das Haus verlassen war, meinte er plötzlich doch in mehreren Fenstern Licht zu sehen und hörte Stimmen. Oder war es nur die Spiegelung des Mondlichtes, das gerade zwischen zwei Baumstämmen durch auf die Fensterscheiben fiel? Und die Stimmen vielleicht nur das Gemurmel des kleinen Flusses, der von einem Teich zum anderen wanderte? Aber hatte nicht der alte Gärtner, der vor fünfundachtzig Jahren hier geboren worden war als das Gut noch den Manteuffels gehörte, erzählt, daß dort in diesem Haus - wie er hatte sagen hören - die erste Schule des Rayons existiert hätte? Und konnte er nicht ganz deutlich hören, wie sich die Stimmen, die das Einmaleins aufsagten, mischten mit anderen, die La Fontaines Le Renard et le Corbeau deklamierten? Als er näher kam wurde es immer dunkler. Wolken bedeckten den Himmel, was er in der Schlucht der Allee nicht so bemerkt hatte. Von ferne rollte ein leiser Donner und Wetterleuchten erhellte zuweilen die Gegend. Die Stimmen der Kinder wurden deutlicher aber einen Augenblick später wurden sie von dem Rauschen eines starken Regens übertönt. Der Wanderer drehte um und rannte zurück um vor dem Wolkenbruch zu flüchten. Er wollte keinen Schnupfen riskieren. Die Nase war auch so schon zu oft entzündet. Wie jetzt. Bevor er einschlief dachte er noch an den Abend. Rückschauend. Die Kinder, die Begegnung bei den Fliederbüschen, die Stimmen am Teich. Was war besonderes an dem Ort hier? Gab es Zusammenhänge? Wohin gehörte er? Was war geschehen und was sollte geschehen? Er schlief ein und träumte tief.

 

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