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22.6.2031

 


Jakob der Lehrer und Klaus der Bäcker besprechen
die Vorbereitungen zum Johanifest
Heilendes Bauen, Holz, Lehm, Gras__Christopher Day, Rudolf Steiner Kindergarten, Wales 
 22.Juni 2031

Jakob ging vom alten Schloß, über die Brücke zur Bäckerei. Aus einem geöffneten Fenster klang der Chor junger Stimmen. "Hat der alte Hexenmeister sich doch endlich wegbegeben...". Man konnte jedes Wort verstehen. Diese Klasse hatte besonders gut die Sprachausbildung aufgenommen. Vor dem Läuten der Mittagsglocke wollte Jakob mit dem Bäcker noch die letzten Vorbereitungen für das Johanni-Fest besprechen. So wie er es morgens schon mit dem Förster, dem Gärtner, dem Fleischer und den anderen Handwerkern getan hatte. Es war das siebte mal, daß in der neuen Schule, nachdem alles umgestellt war, Johanni gefeiert wurde.

Über ihm rauschten die Kronen der alten Parkbäume. Kastanien, Linden, Buchen und Eichen, links vorne sogar ein Gingko, der Goethe die ersten Ideen zur Urpflanze gegeben hatte. Dazwischen Ebereschen mit ihren roten Beeren, als ob sie an die alten Sagen von Odin und Wotan erinnern wollten. Von Westen kam der Wind und brachte trotz der Entfernung von fünfzig Kilometern noch den Geruch des Meeres mit sich. Den Geruch des Tangs, der Frische, der sanften Feuchte, es war, als ob er auch die Wellen schlagen hörte und den Kies beim Zurückrollen am Strand.

Klaus, der Bäcker kam gerade aus der Backstube als er das Werkhaus erreichte.
"So" sagte er zu Jakob, "das war die letzte Ladung Johannisbrote. In einer Stunde bin ich mit dem Backen für die Feier fertig." Wie immer war Klaus ziemlich weiß gepudert im Gesicht. Nur die Augen, die er sich öfter wischte, waren klar. Wer einmal zugesehen hatte, mit welch wilder Freude Klaus immer das Teigkneten anfing, wunderte sich nicht, wenn er schon um sechs Uhr morgens so aussah. Klaus sagte manchmal, das käme davon, daß dieses gute Mehl von fröhlichen Körnern stammte. Körner die lebendig und munter waren. Die auf einem lebendigen Acker wuchsen. Mit gutem Kompost gedüngt, mit Anregungen zum Wachsen und Gedeihen besprüht, einem Acker den saftige Regenwürmer gepflügt hatten, und auf dem die Schüler bei der Feldarbeit Musik, Ernst und Ausdauer zur Pflege eingebracht hatten.

Die fünf Lehrlinge des Bäckers kamen jetzt auch heraus, grüßten freundlich und gesittet und begannen dann einen mit Holz und Reisig vollbeladenen Anhänger abzuladen. Das Holz wurde an der Ostseite der Bäckerei unter einem Schutzdach gestapelt. Die Schule hatte zwar auch eine Versorgung mit elektrischem Strom durch ihr eigenes Wasserwerk, aber hier wurde mit Holz geheizt, weil die Kinder so, wie bei allem Handwerk der Schule, die Ursprünge erleben lernten. Jeder Schüler hatte selbst den Weg vom Korn zum Brot erfahren. Hatte fleißig gearbeitet. Hatte das eigene Brot geknetet und geschmeckt. Das gab eine gute Grundlage für die Ausbildung des Denkens und der Phantasie.

"Grüß Gott", erwiderte Jakob. Er hatte lange Zeiten seiner Wanderjahre bei Bauern in Süddeutschland verbracht und liebte den dort üblichen Gruß. 
"Was hast du den diesmal in die Johannisbrote gebacken?". Klaus hatte immer besondere Zutaten, jedes Jahr andere. Wenn dann die Mahlzeiten an den Feiertagen zu Ende gingen, durften alle raten was in den Broten war. Meist gab es irgendwelche getrocknete Früchte und eine Gewürzmischung aus Blüten und Blättern. Zidonien und Birnenschnitze zu raten war ja noch einfach, aber an Lilien, Walderdbeeren und Weinblätter hatte damals niemand gedacht. Es war schon Tradition geworden, daß Klaus, während alle herumrieten, seine Geige holte und nach eigenen Ideen klassische Weisen spielte. Je länger es dauerte um so wilder wurden die Vermutungen, und das Geigenspiel immer fröhlicher und trotz bester Harmonie immer mehr Klaus und weniger Klassik. Das machte ihm Spaß und den Kindern wohl auch, denn regelmäßig nach solchen Festen meldeten sich viele die Geige spielen wollten.
"Was für ein Unsinn, mich das zu fragen. Du weißt doch genau, daß ich nie antworten würde; auch dir nicht, meinem Freund." Klaus grinste mit seinem Mehlgesicht.
"Hat sich Felix auf den großen Tag gut vorbereitet?", fragte er dann. "Ich glaube ja" sagte Jakob. Felix - keiner wußte mehr so genau wer die Idee gehabt hatte, die Schule so zu nennen. Aber plötzlich waren alle dafür gewesen. Glück, Zufriedenheit, die durch die Ausbildung eines starken Willens und der Phantasie im Menschen wuchs, war das Anliegen der Schule. Und auch das Gedenken an den Sohn von Wilhelm Meister spielte mit. Dieser Roman, der so mächtig die Gedanken bei der Entwicklung der Schule getragen hatte.

Sie besprachen noch eine Weile Einzelheiten des Festes und dann läuteten die Mittagsglocken. "Üb' immer Treu und Redlichkeit...", diese alte Melodie, "... und weiche keinen Finger breit von Gottes Wegen ab" stimmte die ganze Schule ein auf das gemeinsame Essen im Refektorium. Ein neuer Bau aus den Stämmen alter Kiefern, eine weite Kuppel getragen von Bäumen deren Äste das Strebwerk ausmachten. Jakob dachte daran wie der Plan dazu auf den Reisen seiner Gesellenjahre als Schreiner mehr und mehr gewachsen war. Wie er die Geheimnisse der Zahlen in Chartre studiert hatte. Wie er auf den Spuren der Templer und Jakobsbrüder gegangen war. Die selben Zahlen und Verhältnisse, die Göttliches ausdrückten im Tempelbau Salomons, in Chartre und auch den Schiffen, die Heinrich der Seefahrer bauen ließ. Schiffe, die von Lagos aus die Welt erkundeten. Mit Karten, die mit dem Wissen der Templer gezeichnet waren. In Sagres, der Seefahrtsschule am westlichsten Kap Europas. Dort fanden sie Zuflucht vor den Verfolgungen. So hatte er sich den Bau geträumt, bald Schiff, bald Wald, bald Ort der Demut und Ehrfurcht. Ein Ohr zum Himmel, das Strebwerk der Bäume die Ohrknöchelchen, das Dach die Muschel, alles gefügt nach ewigen Gesetzen.

Jakob wartete bis sich Klaus und die Schüler gewaschen hatten und zusammen folgten sie den Glocken. Vor dem Refektorium waren noch einige Schüler unter Anleitung des Kompostmeisters dabei einen frischen Haufen Kuhmist aufzusetzen und zu präparieren. Es war ein schattiger Platz umringt von hohen Bäumen und vielerlei duftenden Büschen. Trotz des Glockenrufs arbeiteten die Schüler weiter. Das war Gesetz. Die Arbeit am Kompost war der zentrale Teil der Ausbildung. Ohne die neue Weise Nahrung zu erzeugen, Nahrung, die geistige Kräfte enthielt, würde alles Andere des Bildungsganges nicht richtig in die Zukunft weisen. Das wurde mit der Arbeit am Kompost bewußt gemacht. 

Nachdem alle zum Essen an langen Tischen Platz genommen hatten, kletterte der jüngste Schüler auf die Bühne und sagte einen Spruch von Angelus Silesius auf:

Mensch wirst du nicht ein Kind,
So gehst du nimmer ein
Wo Gottes Kinder Sind:
Die Tür ist gar zu klein.

Haus von James Hubbel, San Diego Dann sprachen alle zusammen das Gebet von Morgenstern und das Essen wurde gebracht. Durch die farbigen, geschliffenen Fenster im oberen Teil malte die Sonne bunte Flecken auf die Kinder und die weißen Tischdecken. Sie wanderten gemäß dem Lauf des Lichtes und fröhliche Rufe der Kleinsten hallten im Saal,"guck' mal der Michael ist ja ganz blau, schau mal der Janis ist jetzt grün und lila geworden."

 

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